Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. Hannover: Angebote: Traumatherapie
Traumatherapie
Was ist ein Trauma?
Traumatische Ereignisse sind Erlebnisse, die so stark mit intensiven Gefühlen von Angst, Schmerz, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Wut beladen sind, dass unser normales Informationsverarbeitungssystem überflutet wird und überfordert ist.
Solche Erfahrungen können z. B. Kriegshandlungen, schwere Unfälle, plötzlicher Tod eines vertrauten Menschen, Naturkatastrophen und kriminelle Handlungen, wie sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Vernachlässigung, Folter und andere Gewaltverbrechen sein.
Ein traumatisches Ereignis ist in der Regel
- plötzlich und unerwartet, eben nicht vorhersehbar,
- es ist nicht möglich zu fliehen und/oder sich zu wehren,
- es ist mit Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen verbunden
- und wird i. d. R. als so existenziell bedrohlich erlebt, dass es mit Todesängsten verbunden ist.
Befindet sich ein Mensch über einen langen Zeitraum in einer bedrohlichen, für ihn ausweglosen Lage, nehmen das Ausgeliefertsein und/oder die Gewalt permanent zu, dann ist dies auch eine traumatische Situation. Denn auch hier kann die Person sich der Situation nicht mehr anpassen oder ihr entkommen. Dies ist z.B. bei sexueller Gewalt in der Kindheit der Fall.
Auch Ereignisse, in denen ein Mensch Zeuge einer existentiell bedrohlichen Situation wird, können traumatisch erlebt werden.
Folgen dieser traumatischen Erlebnisse machen sich meist sofort, sehr oft aber auch erst nach Wochen, Monaten oder Jahren bemerkbar. Auswirkungen davon können Alpträume, Panikattacken, Reizbarkeit und Wutausbrüche, übertriebene Schreckreaktionen, Herzrasen, Konzentrationsstörungen, aber auch Vermeidungsverhalten (von Orten, Aktivitäten, die an das Trauma erinnern), starke Ängste und vieles mehr sein. Es können auch Bilder und Gefühle aus der traumatischen Situation auftauchen, die so intensiv sind, dass sie sich anfühlen, als würde es hier und jetzt erneut geschehen.
Die möglichen Folgen sind individuell sehr unterschiedlich. Es ist erst einmal ein Versuch, mit der Situation und den Auswirkungen klar zu kommen. In der Psychotraumatologie spricht man von typischen Erstreaktionen, über posttraumatische Belastungsreaktionen bis hin zur ausgebildeten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Wenn die Folgen stärker werden und länger als 4 Wochen andauern, kann die Diagnose PTSB gestellt werden.
Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine normale Reaktion auf eine extrem belastende (und „unnormale“) Situation.
Was passiert im Gehirn?
Ein Trauma ist ein Ereignis, das individuell erlebt und damit sehr subjektiv ist, es kann aber auch neurologisch und damit objektiv nachgewiesen werden. Unser Gehirn ist eine äußerst komplex arbeitende „Maschine“. Wir geben hier eine sehr vereinfachte, schematische Darstellung wieder (nach Michaela Huber):
Alles, was wir erleben, wird in unserem Gehirn verarbeitet, gespeichert und miteinander verbunden. Aus allen Bereichen des Körpers kommen Sinneseindrücke zunächst für sich isoliert im Gehirn an. Hier werden sie in einem Bereich des Gehirns (Amygdala) zunächst auf ihre gefühlsmäßige Bedeutung überprüft.
Alltägliche Erfahrungen werden dann an den Hippocampus (ein weiterer bestimmter Bereich im Gehirn) weitergeleitet. Den Hippocampus müssen Sie sich wie ein gut sortiertes Archiv vorstellen, in dem alle ihre Erfahrungen und Erinnerungen gut sortiert gespeichert sind. Sie können auf diese Erfahrungen jeder Zeit zurückgreifen. Ein neues alltägliches Ereignis wird im Gehirn mit dem schon Erlebten verknüpft und zwischen den anderen Erfahrungen eingeordnet.
In einer traumatischen Situation wird die Verbindung zwischen Amygdala und Hippocampus unterbrochen, so dass Informationen bzw. Erfahrungen nicht mehr im Hippocampus gebündelt werden können, sondern als einzelne Sinneseindrücke in der Amygdala zurückbleiben. Das bedeutet, sie erkennen vielleicht ein Geräusch, ein Geruch oder ein Bild, - diese Sinneseindrücke sind jedoch wie einzelne Puzzleteile, die Sie nicht zu einem gesamten Bild, zu einer gesamten Erfahrung zusammenlegen können.
Es kann daher passieren, dass Sie durch ein Geräusch, einen Geruch, eine Berührung oder ein Bild in Panik geraten, ohne dass Sie verstehen können, warum das so ist. Menschen haben dann oft das Gefühl, verrückt zu werden. Auch das Broca – Sprachzentrum ist in traumatischen Situationen oft blockiert, so erklärt sich die oft vorhandene Sprachlosigkeit.
Wie kann ein Trauma bewältigt werden?
In der Psychotraumatologie wird vermehrt das Augenmerk auf Ressourcen und vorhandene, oft verschüttete eigene Bewältigungsstrategien gelegt. Sie geht ferner davon aus, dass der Mensch von Natur aus ein „Traumaüberwinder“ sei. Das heißt, in der Therapie wird viel mehr darauf geachtet, was sind die Stärken und Ressourcen der Trauma-Überlebenden als auf die Defizite, das nicht Vorhandene, zu schauen.
Das Ziel in der Traumatherapie ist es, das Trauma mit seinen ganzen Konsequenzen in einem geschützten Rahmen „zuzulassen“ und als Bestandteil der eigenen Geschichte akzeptieren zu lernen und zu bearbeiten. Das traumatische Erlebnis ist nur ein Teil der Biografie, zwar ein sehr schmerzlicher, aber es gibt noch andere Teile in der eigenen Biografie.
Unsere Angebote basieren auf den Erkenntnissen und Methoden der Psychotraumatologie. Alle Mitarbeiterinnen haben eine Weiterbildung in der Traumatherapie. Wir orientieren uns insbesondere an dem ressourcenorientieren Ansatz, bewusst die Stärken und nicht die Defizite in den Vordergrund zu stellen.
In den traumatherapeutischen Beratungen geht es insbesondere darum:
- Einen Umgang mit den Symptomen zu erlernen (die Symptome zu verstehen, sie zu mildern und/oder zu beseitigen).
- Die eigene Handlungskompetenz zu erweitern (Aufbau von Ressourcen, Kontrolle wieder erlangen, von der Ohnmacht zur Selbstbestimmung).
- Wieder zu einer Einheit von Gefühlen, Körperempfindungen und Gedanken zu kommen (= „wieder vollständig zu werden“).
Mit dem Hauptziel: Das Geschehene als Teil der eigenen Geschichte zu integrieren.
- siehe auch Beratung, sexuelle Gewalt